Die Geschichte der Spielkarten – eine Reise um die halbe Welt

Kartenspiel wird von Hand aus Wüstensand gehoben. Geschichte der Spielkarten, ASS Altenburger

Es ist im Grunde keine neue Erkenntnis – aber je länger man darüber nachdenkt, desto spannender wird es: Wenn ihr heute Abend ein Kartendeck in die Hand nehmt, haltet ihr ein kleines Stück Weltgeschichte in den Fingern. Eine Reise, die vermutlich in China begann, durch Persien und die arabische Welt führte, dann nach Europa schwappte und schließlich auch in den Wirtshäusern und Wohnzimmern Deutschlands ankam. Eine Reise, die rund tausend Jahre dauerte. Und die heute, ganz unspektakulär, in eurem Wohnzimmer endet, wenn ihr die Karten zum Mischen aufgreift. Schnallt euch an – wir nehmen euch mit auf einen kleinen Streifzug durch die Geschichte der Spielkarte.

Es begann in China. Wahrscheinlich.

Die Wiege der Spielkarte stand vermutlich in China, irgendwo im 9. oder 10. Jahrhundert. Das überrascht weniger, als man auf den ersten Blick denken mag, denn dort wurde auch das Papier erfunden – die zwingende Voraussetzung dafür, dass es überhaupt so etwas wie Spielkarten geben kann. Und da Papier nicht so langlebig ist, wie z. B. Stein, gibt es keine eindeutigen „Beweise“ aus dieser Zeit. Die ersten chinesischen Karten waren lang, schmal und ähnelten eher Geldscheinen als dem, was wir heute kennen. 

Auf dem Seidenstraßen-Express nach Westen

Von China aus traten die Spielkarten ihre lange Reise nach Westen an. Über Persien und die arabische Welt wanderte das Konzept weiter, dabei veränderten sich Form, Aussehen und Bedeutung mehrfach. Besonders interessant: Im Mamluken-Reich, das im Mittelalter weite Teile Ägyptens und des Nahen Ostens umfasste, entwickelte sich ein Kartenspiel, das eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit unseren heutigen Karten aufweist. Ein erhaltenes Mamluken-Kartendeck namens „Mulūk wa-nuwwāb“ (dt. Könige und Statthalter), das im Topkapı-Palast in Istanbul ausgestellt wurde, zeigt vier Farben (Schwerter, Polostöcke, Kelche und Münzen), Bildkarten und Zahlenkarten. Wer genau hinschaut, erkennt: Hier liegen die Wurzeln vieler europäischer Kartenspiele. „Nāʾib“, das arabische Wort für „Statthalter“ wurde zu dem Begriff für Spielkarten in Europa – in Spanien heißen sie auch immer noch naipes.

Ankunft in Europa – willkommen im Mittelalter

Im 14. Jahrhundert kamen die Spielkarten schließlich in Europa an. Erste schriftliche Erwähnungen finden sich um 1370 in Spanien und Italien. Auch in deutschen Städten tauchen kurz darauf Verbote von Kartenspielen auf – und wenn etwas verboten wird, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass es bereits weit verbreitet war. Die Kirche und manche Stadtoberen sahen das Kartenspiel mit gemischten Gefühlen. Es galt als Verführung zu Müßiggang und Glücksspiel, was die Beliebtheit selbstverständlich kein bisschen schmälerte. Im Gegenteil: Vom Bauern bis zum Adligen wurde überall gespielt – in Tavernen, in Klöstern, am Hof.

Vom Luxusgut zur Massenware

Anfangs waren Spielkarten echte Kostbarkeiten. Sie wurden von Hand gemalt, oft auf dünnen Pergament- oder Papierstücken, und konnten sich nur die wohlhabenden Schichten leisten. Das änderte sich mit einer Erfindung, die fast alles veränderte: dem Druck. Im 15. Jahrhundert ermöglichte die Technik des Holzschnitts, Karten in größeren Stückzahlen zu drucken. Spielkartenmacher wurden zu einem eigenen Berufsstand, der in vielen Städten Europas Fuß fasste. Plötzlich konnten sich auch Handwerker, Bauern und Soldaten ein Kartendeck leisten – und das Kartenspiel wurde endgültig zum Volksvergnügen.

Opa, Vater und Sohn spielen gemeinsam Skat in einem Garten. Geschichte der Spielkarten, ASS Altenburger
Spielkarten verbinden: von Generation zu Generation zu Generation – und noch so viel weiter.

Die Geburt der vier Farben

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in verschiedenen europäischen Regionen ganz eigene Kartenwelten. In Italien und Spanien blieb man zunächst nahe an den arabischen Vorbildern mit Schwertern, Stäben, Kelchen und Münzen. In Deutschland setzten sich Eichel, Laub (auch Grün genannt), Herz und Schellen durch – Symbole, die man aus dem ländlichen Alltag kannte. Und in Frankreich entstanden die heute weltweit bekanntesten Symbole: Pik, Kreuz, Herz und Karo. Das französische Blatt eroberte später große Teile der Welt, während das deutsche Blatt in seinen Hochburgen – allen voran Bayern – seinen festen Platz behielt. Aber das ist eine eigene Geschichte, die wir uns in einem späteren Artikel genauer anschauen.

Altenburg – wo Geschichte hergestellt wird

Während die Spielkarte ihre lange Reise quer durch die Welt fortsetzte, entwickelte sich in einer kleinen thüringischen Stadt ein ganz besonderes Kapitel dieser Geschichte: Altenburg. Hier wird seit über 500 Jahren mit Karten gehandelt, gespielt und gedruckt. Schon im späten Mittelalter waren Altenburger Kartenmacher bekannt – und über die Jahrhunderte entwickelte sich der Ort zur Skatstadt und zur deutschen Hauptstadt der Spielkarte. Heute, viele Generationen später, werden hier immer noch Spielkarten produziert. Wenn ihr also das nächste Mal ein Altenburger Kartendeck in der Hand haltet, tragt ihr das Ergebnis einer 500-jährigen Tradition – ein winziges, aber sehr lebendiges Stück deutscher Kulturgeschichte.

Tausend Jahre auf 32 Karten

Wenn man sich klarmacht, was hinter einem ganz normalen Skatblatt steckt, wird einem ein bisschen schwindelig. Auf diesen 32 Karten liegt eine tausendjährige Reise: vom kaiserlichen China über die Karawanen der Seidenstraße, durch die Höfe der arabischen Welt, vorbei an verbietenden Bürgermeistern im mittelalterlichen Europa, durch die Druckerwerkstätten der Renaissance bis hin zum Küchentisch eurer Großeltern. Spielkarten sind nicht einfach nur ein Spielzeug. Sie sind Kulturgut, sie sind Tradition, sie sind eines der ältesten Unterhaltungsmedien der Menschheit. Und das Beste daran: Sie funktionieren immer noch genauso wie vor tausend Jahren. Karten mischen, verteilen, spielen. Mehr braucht es nicht.

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