Moin, Servus, Hallo und Mahlzeit! Stellt euch vor: Ihr fahrt am Wochenende zu Freunden nach München, freut euch auf einen gemütlichen Spieleabend und packt ganz selbstverständlich euer geliebtes Skatblatt ein. Vor Ort wird euch das Deck mit einem freundlichen Lächeln und einem dezenten Kopfschütteln aus der Hand genommen und zur Seite gelegt. Stattdessen entdeckt ihr auf dem Tisch einen Kartenstapel, auf dem statt Pik und Kreuz plötzlich Eicheln und Schellen prangen. Willkommen in Bayern. Willkommen in einer ganz eigenen Kartenkultur. Was viele nicht wissen: Deutschland ist beim Thema Spielkarten ein erstaunlich vielfältiges Land. Es gibt nicht die eine Kartenkultur, sondern mehrere – und welche davon gerade gepflegt wird, hängt erstaunlich stark davon ab, wo man gerade ist – in etwa so wie mit unserer Begrüßung gerade eben. Kommt mit, wir machen eine kleine Reise – quer durch die deutsche Kartenkultur.
Der Süden – das Reich von Eichel, Laub, Herz und Schellen
Grüß Gott! Wer in Bayern, Teilen Baden-Württembergs oder im südlichen Osten Karten spielt, hält sehr wahrscheinlich ein Deutsches Blatt in der Hand – wobei es hier auch nochmal verschiedene Varianten, wie z. B. das Sächsische, das Fränkische oder das Bayerische Blatt, gibt. Auf den Karten des Deutschen Blatts finden sich vier Farben, die mit Pik, Kreuz, Herz und Karo erst einmal wenig zu tun haben: Eichel, Laub (auch Grün oder Gras genannt), Schellen – und Herz. Es ist als einziges Symbol in fast allen internationalen Kartenblättern (auch dem Französischen) gleich geblieben.
Mit dem Deutschen Blatt werden vor allem die Klassiker der süddeutschen Kartenkultur gespielt: Schafkopf, Watten, Bayerisches Tarock und in vielen Varianten auch Solo. Wer in einem bayerischen Wirtshaus zur Mittagszeit hereinspaziert, hat gute Chancen, an mehreren Tischen Männer und Frauen zu sehen, die mit konzentrierter Miene Karten ausspielen, dabei rätselhafte Sprüche, wie „A so geht da Pfarra in da Kirch herum!“ von sich geben, und in einer Sprachwelt unterwegs sind, die sich für Außenstehende anhört wie eine ganz eigene Geheimsprache. Das Deutsche Blatt ist hier mehr als ein Kartendeck. Es ist gelebte Kartenkultur und ein Stück Identität.
Der Westen und Norden – das französische Blatt regiert
Moin! Sobald ihr Bayern und das angrenzende Süddeutschland verlasst, ändert sich das Bild fast schlagartig. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Hamburg, Berlin und weiten Teilen Norddeutschlands wird mit dem Französischen Blatt gespielt – also mit Pik, Kreuz, Herz und Karo. Das ist das Kartenblatt, das die meisten von uns aus dem Alltag kennen. Es ist auch jenes Blatt, das international am weitesten verbreitet ist und mit dem Spiele wie Skat, Rommé, Doppelkopf, Bridge und Poker gespielt werden.
Im Norden ist besonders Doppelkopf ein echter Klassiker. In vielen Familien und Freundeskreisen gehört die regelmäßige „Doko-Runde“ zum festen Bestandteil des sozialen Lebens. Wer in Hannover, Hamburg oder Bremen Karten spielt, hat es fast immer mit dem Französischen Blatt zu tun – das Deutsche Blatt würde hier viele eher ratlos zurücklassen.

Franken – das Kartenland zwischen den Welten
Servus! Und dann gibt es Franken. Geografisch zu Bayern gehörend, aber kulturell oft eine ganz eigene Welt. Bei der Kartenkultur zeigt sich das besonders deutlich. Franken ist eine echte Mischzone, in der je nach Ort, Familie oder Stammtisch mal das Deutsche, mal das Französische Blatt zum Einsatz kommt. In manchen Wirtshäusern in Nürnberg liegen sogar beide Decks bereit, je nachdem, welche Runde gerade Platz nimmt. Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern hat historische Wurzeln: Franken war über Jahrhunderte eine Region mit zahlreichen kleinen Herrschaftsgebieten, kulturellen Einflüssen aus verschiedenen Himmelsrichtungen und einem starken Selbstbewusstsein gegenüber dem restlichen Bayern. Wer in Franken Karten spielt, sollte daher flexibel sein – und im Zweifel beide Decks in der Tasche haben.
Der Osten – das deutsche Blatt mit sächsischer Tradition
Guddn Tach! Eine besonders interessante Geschichte erzählt das Deutsche Blatt im Osten Deutschlands. Zum Beispiel wird in einzelnen Regionen eine Variante des Deutschen Blatts gespielt: das Sächsische Blatt. Es zeigt zwar die gleichen Farben (Eichel, Laub, Herz, Schellen), aber die Figuren auf den Karten sehen anders aus. Wer einmal ein Bayerisches und ein Sächsisches deutsches Blatt nebeneinander legt, erkennt die Unterschiede auf den ersten Blick – auch zum klassischen Deutschen Blatt, das generell in der Region Mitteldeutschland das Standard-Blatt ist.
Besonders für das Skatspiel ist diese regionale Eigenheit bis heute prägend. Kein Ort ist so sehr mit dem Spiel verbunden, wie unser schönes Altenburg. Skat wird in Sachsen und Thüringen traditionell mit dem Deutschen Blatt gespielt – auch wenn das Französische Blatt mittlerweile weit verbreitet ist. Bei vielen Skatturnieren und besonders an Stammtischen kommt das Deutsche Blatt zum Einsatz. Für viele ältere Spieler gehört das einfach dazu. Es geht hier nicht unbedingt nur um Karten, sondern um Heimatgefühl, Gewohnheit und eine Kartenkultur, die über Generationen hinweg gepflegt wird.

Warum diese Vielfalt überhaupt existiert
Wer sich fragt, wie es zu dieser kartografischen Kartenvielfalt kommen konnte, muss einen Blick in die deutsche Geschichte werfen. Deutschland war jahrhundertelang ein Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern und Fürstentümern. Jede Region hatte ihre eigenen Traditionen, ihre eigene Mode, ihre eigene Sprache – und eben auch ihre eigenen Spielkarten. Während sich in Frankreich relativ früh ein einheitliches Kartenblatt durchsetzte, blieben in Deutschland mehrere Varianten parallel bestehen. Das ist letztlich nichts anderes als bei Brot, Bier oder Begrüßungsformeln: Was in Hamburg „Moin“ heißt, ist in München „Grüß Gott“ – und was im Norden „Pik“ ist, heißt im Süden „Eichel“.
Diese regionale Vielfalt hat etwas wunderbar Charmantes. Sie erinnert daran, dass Deutschland eben nicht von einer großen Hauptstadt aus durchgestaltet wurde, sondern aus vielen Regionen besteht, die alle ein bisschen ihren eigenen Charakter behalten haben. Und das gilt nicht nur für Dialekte oder Wurstsorten, sondern eben auch für die Karten, die wir abends auf den Tisch legen.
Welches Blatt liegt bei euch zu Hause?
Vielleicht habt ihr beim Lesen festgestellt, dass ihr eigentlich immer mit dem Französischen Blatt spielt – obwohl die Großeltern aus dem tiefsten Bayern stammen und das Bayrische Bild eigentlich Familientradition wäre. Vielleicht seid ihr im Osten aufgewachsen und kennt das Sächsische Bild aus eurer Kindheit. Oder ihr lebt in Franken und habt Fränkische Bild im Schrank — oder einfach auch das deutsche und französische, je nachdem, wer gerade vorbeikommt. Welche Karten auch immer bei euch auf dem Tisch landen: Sie sind ein kleines Stück deutscher Kulturgeschichte – und sie verraten oft mehr über eure Herkunft, als ihr denkt. Und diese Vielfalt macht es doch erst richtig spannend, oder?
Im nächsten Artikel unserer Reihe „Spielkartenwissen“ tauchen wir tiefer ein in eine der prägendsten Karten-Traditionen des Südens: Schafkopf. Warum die Bayern so unerschütterlich bei Eichel und Schellen bleiben – und was dieses Spiel so besonders macht – erfahrt ihr beim nächsten Mal.