Altenburg und der Skat – die Geschichte eines Nationalspiels

Residenzschloss Altenburg von oben. Altenburg Skat, ASS Altenburger

Gut Blatt! Manche Städte sind für ihre Kathedralen bekannt, andere für ihre Universitäten, wieder andere für eine berühmte Person oder einen Fußballverein. Und dann gibt es Altenburg. Unsere Stadt hier im Osten Thüringens ist für vieles bekannt – aber vor allem für eines: Sie ist der Geburtsort des Skats. Wer in Deutschland Karten spielt, hat höchstwahrscheinlich schon einmal an einem Skat-Tisch Platz genommen, beim Reizen ein „18, 20, 2, 3″ gemurmelt oder mit gespielter Empörung eine schlechte Karte auf den Tisch geschmettert. Und ganz egal, wo in Deutschland diese Runde stattfand – ihre Wurzeln liegen hier, bei uns, in Altenburg. Zeit, dass wir die Geschichte des wohl berühmtesten deutschen Kartenspiels erzählen.

Wo alles begann: Altenburg um 1810

Die Geschichte von Altenburg und Skat beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals war Altenburg eine bedeutende Residenzstadt, in der sich Bürger, Beamte und Kaufleute regelmäßig zu geselligen Runden trafen. Karten wurden viel gespielt – vor allem Schafkopf, Tarock und L’Hombre. Und in einem dieser Kreise, der sogenannten „Brommeschen Tarockgesellschaft“ um den Rechtsanwalt Hans Karl Leopold von der Gabelentz, den Ratsschöppen Friedrich Ferdinand Hempel und den Verleger Friedrich Arnold Brockhaus (ja, den Brockhaus), entstand um 1810 ein neues Spiel. Es kombinierte Elemente aus Schafkopf, Tarock und dem französischen Spiel L’Hombre. Herausgekommen ist eine Erfindung, die Deutschland nachhaltig prägen sollte: der Skat.

Der Name des Spiels, das früher noch „Scat“ geschrieben wurde, geht auf das italienische „scartare“ zurück – also das „Ablegen“ zweier Karten vor der Spieleröffnung. Heute ist die Schreibweise mit „K“ gängig. Was in einer überschaubaren Runde als geselliger Zeitvertreib begann, wurde rasch zu einer größer werdenden Sensation. Innerhalb weniger Jahrzehnte Bahn trat Skat einen regelrechten Siegeszug an. Von Altenburg aus nach ganz Deutschland – und weit darüber hinaus.

Vom Wirtshaustisch zum Nationalspiel

Wie schafft es ein Kartenspiel aus einer thüringischen Stadt, sich zum deutschen Nationalspiel zu mausern? Skat hatte anscheinend genau das richtige Timing. Es war anspruchsvoll genug, um Kartenspiel-Fans über Jahre zu fesseln. Er war flexibel genug, um immer wieder neue Spielsituationen zu kreieren. Und er war gesellig genug, um am Wirtshaustisch, im Wohnzimmer, im Zug oder in der Kaserne gleichermaßen gut zu funktionieren. Im 19. Jahrhundert wurde Skat Stück für Stück immer bekannter, im 20. Jahrhundert war es nicht mehr wegzudenken.

Ein bedeutender Meilenstein war der erste Deutsche Skatkongress, der 1886 in Altenburg stattfand. Hier wurden erstmals einheitliche Regeln beschlossen, die das Chaos der vielen regionalen Varianten beenden sollten. Aus dieser Bewegung ging später die „Skatordnung“ hervor, das offizielle Regelwerk, das bis heute die Grundlage für Skatturniere in ganz Deutschland ist. Und der Deutsche Skatverband, gegründet 1899 hier in Altenburg, trägt bis heute Sorge über die Einheitlichkeit des Spiels.

Skatstadt Altenburg – überall sichtbar

Wer Altenburg einen lohnenswerten Besuch abstattet, spürt schnell, dass die Stadt ihre Rolle als Skatstadt mit Stolz trägt. Und das nicht ohne Grund: Hier werden seit über 500 Jahren Spielkarten produziert. Altenburg ist damit nicht nur der Geburtsort von Skat, sondern auch eine der ältesten Spielkartenstädte Europas. Da ist der berühmte Skatbrunnen, der 1903 errichtet wurde und Spielfiguren aus der Skat-Tradition darstellt. Wer bei der Skatrunde am Stammtisch also unter einer andauernden Pechsträhne leidet, sollte sich fragen, ob es vielleicht daran liegt, den Skatbrunnen noch nie besucht und sein Kartenspiel dort getauft zu haben. Da ist die „Skatheimat“ im Residenzschloss – die Keimzelle des heutigen Skatmuseums, in dem sich alles um die Geschichte des Spiels dreht. Da ist der Skatgerichtshof, ein Gremium, an das man sich bei Streitfällen zu Skatregeln wenden kann. Und dann sind da die vielen Kartenmotive, Skulpturen und Erinnerungen, die über die ganze Stadt verteilt zu entdecken und zu bewundern sind. Wer aufmerksam durch Altenburg schlendert, erkennt an vielen Ecken kleine Hinweise auf das große Erbe.

Ein Name, der in diesem Zusammenhang zwingend genannt werden sollte, ist Otto Pech – hier bei uns eher bekannt unter seinem Künstlernamen „Pix“. Der in Altenburg geborene Bildhauer, Grafiker und Illustrator arbeitete ab 1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1950 für die Altenburger Spielkartenfabrik und wurde als „Skatmaler“ berühmt. Er gestaltete die Deutschen Skatkongresse in Altenburg grafisch, wirkte an der Skatheimat mit und schrieb sogar ein Theaterstück namens – erratet ihr’s? – „Skat“, das 1927 anlässlich des 11. Skatkongresses uraufgeführt wurde. Auch das ist Teil der Altenburger Skatgeschichte: ein Künstler, der das Spiel erst illustrierte, und schließlich zur Kunst erhob.

Skatbrunnen in Altenburg. Altenburg Skat, ASS Altenburger
Auf dem berühmten Skatbrunnen in Altenburger kämpfen die vier Buben (oder Unter) miteinander.

So funktioniert Skat – ganz kurz erklärt

Für alle, die noch nie einer Skatrunde beiwohnten: Skat wird zu dritt gespielt, mit einem Skatblatt aus 32 Karten. In der Regel wird das Französische Blatt genutzt, aber in einigen Regionen Deutschlands schwört man auf das Deutsche Blatt – auch beim Skat. Ziel ist es, mit den eigenen Karten möglichst viele Punkte zu sammeln. Zu Beginn erhält jede Person zehn Karten, zwei Karten werden verdeckt in die Mitte des Tisches gelegt – das ist der „Skat“. Anschließend reizen die Spieler um das Recht, das Spiel zu bestimmen, und die höchstbietende Person darf entscheiden, welches Spiel gespielt wird: Farbspiel, Grand oder Null. Danach wird gespielt, gestochen, kombiniert und am Ende abgerechnet. Klingt eigentlich ganz einfach, oder? Nun, ist es nicht unbedingt: Skat gilt als eines der strategisch anspruchsvoll. Aber: Wer es einmal verinnerlicht hat, hört meist ein Leben lang nicht mehr damit auf.

Skat im Osten – gelebte Tradition

Auch wenn Skat längst in ganz Deutschland gespielt und geliebt wird: Im Osten ist es besonders tief verwurzelt. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt gehört Skat zum kulturellen Erbe. Hier wird es auch heute oft mit dem Deutschen Blatt gespielt – Eichel, Laub, Herz und Schellen statt Pik, Kreuz, Herz und Karo – oder mit dem Altenburger Blatt. Diese Variante ist aus dem sächsischen Bild hervorgegangen. Sie besteht für den Skateinsatz aus 32 Karten mit den Werten 7 bis 10 sowie Unter, Ober, König und Ass. Die Farben entsprechen dem deutschen Blatt, ihre Gestaltung unterscheidet sich aber im Detail: Die Eichel ist rot eingefärbt, etwas länger und kantiger, das Laub strahlt in einem satten Grün, und die Schellen sind besonders verziert. Kleine Unterschiede, die den Karten einen ganz besonderen Charakter geben. Verbreitet ist das Altenburger Blatt heute traditionell in Mitteldeutschland – also in etwa in den Grenzen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der Skat-Stammtisch ist in vielerorts eine Institution, und die regionalen Turniere zählen zu den bestbesuchten der Republik.

Ein Spiel, das bleibt

Wenn ihr das nächste Mal an einem Skat-Tisch vorbeigeht, seht mal einen Moment länger hin. Da sitzen drei Menschen um ein Kartendeck herum und spielen ein Spiel, das vor über 200 Jahren in einer thüringischen Residenzstadt erfunden wurde. Ein Spiel, das Generationen verband und bis heute verbindet, das Streitfälle vor einem eigenen Gerichtshof verhandelt und das bis heute Millionen Menschen in seinen Bann zieht. Altenburg und Skat gehören für immer. Für uns hier vor Ort ist das jeden Tag spürbar – und, ja, wir sind auch ein bisschen stolz darauf.

Im nächsten Artikel unserer Reihe „Spielkartenwissen“ reisen wir weiter durch die deutsche Kartenlandschaft. Diesmal geht es nach Franken – eine Region, in der sich verschiedene Wahrheiten und Traditionen überlappen. Also: Warum Franken beim Thema Spielkarten so besonders ist, erfahrt ihr beim nächsten Mal.

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