Da sitzt ihr nun. Beim Spieleabend. Ihr wartet darauf, dass euer Gegenüber endlich den nächsten Zug macht. Wie viel Zeit wohl schon vergangen ist? Ihr starrt in euer Blatt – und euer Blick wird erwidert: von einem König mit prächtigem Mantel, einer Dame mit einer Blume in der Hand und einem Bube mit entschlossenem Blick. Diese drei Figuren habt ihr schon unzählige Male gesehen. Beim Skatabend mit den Großeltern, beim Pokerspiel im Freundeskreis, beim ersten Mau Mau mit den Kindern – im Hier und Jetzt beim Spieleabend. Und doch schaut ihr sie heute zum ersten Mal wirklich an. Und ihr stellt euch die Frage, die eigentlich auf der Hand liegt: Wer sind diese drei eigentlich? Haben die einen Namen? Eine Geschichte? Oder sind das einfach nur hübsch gezeichnete Figuren, die irgendjemand mal auf ein Blatt Papier gemalt hat? Antworten gibt es heute. Kommt mit!
Von anonymen Figuren zu echten Charakteren
Als Spielkarten im 14. Jahrhundert nach Europa kamen, waren die Bildkarten noch nicht die Figuren, die wir heute kennen. Sie zeigten meist allgemeine Könige, Soldaten oder Reiter, ohne dass eine bestimmte Person gemeint war. Das änderte sich im 15. und 16. Jahrhundert in Frankreich. Die französischen Kartenmacher gingen einen Schritt weiter und begannen, ihren Bildkarten konkrete historische oder literarische Namen zu geben. Plötzlich war die Dame nicht mehr nur „eine Dame“, sondern Judith aus dem Alten Testament. Der König war nicht nur „ein König“, sondern Karl der Große. Und der Bube war nicht nur ein beliebiger Bursche, sondern La Hire, ein Weggefährte der Jeanne d’Arc. Diese Tradition hat sich über Jahrhunderte gehalten – auch wenn kaum noch jemand weiß, wen er da eigentlich in der Hand hält.
Die Könige: Krone, Zepter und Legende
Alle vier Könige im französischen Blatt stehen für reale oder legendäre Herrscher der Weltgeschichte. Und zwar nicht für irgendwelche, sondern für die ganz großen.
Der Herz-König steht traditionell für Karl den Großen, den Begründer des Frankenreichs und wohl bedeutendsten Herrscher des frühen Mittelalters. Dass er ausgerechnet das Herz zugeordnet bekam, passt wunderbar – schließlich ist er die zentrale Figur der französischen Herrschergeschichte. Übrigens: Auch wenn er eigentlich sein Schwert hinter dem Kopf hält, könnte man durchaus denken, dass er es sich direkt in den Kopf gesteckt hat. Daher nennt man den Herz-König auch manchmal „Suicide King“. Eine Frage der Perspektive.
Der Pik-König verkörpert König David, den biblischen Herrscher Israels, bekannt für seinen Sieg über Goliath und seine Harfe. In manchen alten Darstellungen hält der Pik-König tatsächlich eine Harfe in der Hand – ein kleines Detail, das die Zuordnung bis heute sichtbar macht.
Der Karo-König steht für Julius Caesar, den römischen Feldherrn und Staatsmann. Wer genau hinschaut, erkennt bei vielen klassischen Darstellungen den typischen römischen Lorbeerkranz oder zumindest eine Profilansicht, wie sie von antiken Münzen bekannt ist.
Und der Kreuz-König verkörpert Alexander den Großen, den makedonischen Welteroberer. Damit haben wir im französischen Blatt vier Herrscher aus vier verschiedenen Epochen und Kulturkreisen vereint – ein kleines historisches Panorama in nur vier Karten.
Die Damen: Göttin, Heldin, Rätsel
Auch die Damen tragen klassische Namen – auch wenn die Zuordnung hier über die Jahrhunderte stärker geschwankt hat als bei den Königen.
Die Herz-Dame wird meist mit Judith in Verbindung gebracht, der biblischen Heldin aus dem gleichnamigen Buch des Alten Testaments. Eine Frau voller Mut, Entschlossenheit und Glauben. Judith rettete ihr Volk, indem sie den assyrischen Feldherrn Holofernes im Schlaf tötete.
Die Pik-Dame steht für Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit und der Kriegslist. In den klassischen Darstellungen hält sie häufig einen Speer in der Hand – ein Verweis auf ihre Rolle als Beschützerin und Strategin. Übrigens die einzige mythologische Figur unter den Damen.
Die Karo-Dame heißt Rahel – eine weitere Figur aus dem Alten Testament. Rahel war die Lieblingsfrau Jakobs, eine der Stammmütter Israels und steht in der Tradition für Schönheit und tiefe Liebe.
Am rätselhaftesten ist die Kreuz-Dame. Sie trägt den Namen Argine, und niemand weiß so recht, wer das eigentlich sein soll. Die gängigste Theorie besagt, dass „Argine“ ein Anagramm des lateinischen Wortes „Regina“ (Königin) ist – also quasi eine erfundene Platzhalterin. Andere vermuten eine historische Königin im Hintergrund. Was auch immer stimmt: Argine bleibt die geheimnisvollste Figur im ganzen Deck.

Die Buben: Ritter, Krieger, Legenden
Die Buben – im französischen „Valets“, also „Diener“ oder „Knappen“ – stehen traditionell für Ritter, Helden und loyale Gefährten. Keine Könige, keine Göttinnen, aber Figuren mit Mut, Treue und einem festen Platz in der europäischen Erzähltradition.
Der Herz-Bube trägt den Namen La Hire. Er war ein französischer Kriegsherr und Weggefährte der Jeanne d’Arc im Hundertjährigen Krieg. Sein eigentlicher Name war Étienne de Vignolles, und er galt als einer der tapfersten Männer seiner Zeit. Er galt als emotional und rau. Sein Spitzname „La Hire“ oder „Lahire“ leitet sich vom französischen „la ire“ her – der Zorn.
Der Pik-Bube ist Ogier – ein legendärer dänischer Held aus den Rolandssagen, der an der Seite Karls des Großen kämpfte. Damit treffen sich auf dem Pik-Buben Geschichte und Legende, denn Ogier ist zwar sagenhaft, aber in der mittelalterlichen Erzähltradition fest verankert. Er tauchte zuerst in der französischen Literatur als „Ogier le Danois“ auf – in Dänemark verehrt man ihn unter dem Namen „Holger Danske“.
Der Karo-Bube steht für Hector – entweder den trojanischen Prinzen aus Homers Ilias oder, nach anderen Deutungen, Hector de Maris aus der Artus-Sage. Beide sind heldenhafte Figuren, beide sind seit Jahrhunderten in der Literatur präsent.
Und der Kreuz-Bube ist niemand Geringeres als Lancelot – jener Ritter aus der Tafelrunde König Artus‘, der sich unsterblich in Königin Guinevere verliebte. Eine der romantischsten und tragischsten Figuren der mittelalterlichen Literatur, versteckt im Kartendeck.
Was ist mit dem deutschen Blatt?
Wenn ihr jetzt denkt: „Moment, bei meinem Skatblatt mit Eichel und Schellen gibt es doch keine Dame“ – dann habt ihr völlig recht. Das deutsche Blatt kennt die Bildkarten in einer anderen Zusammensetzung. Statt König, Dame und Bube gibt es dort König, Ober und Unter. Und während die französischen Figuren klare historische Vorbilder haben, sind die deutschen Bildkarten weniger stark personalisiert. Sie zeigen archetypische Herrscher und Krieger, oft in zeitgenössischer Tracht ihrer jeweiligen Entstehungszeit. Ein deutscher König auf einer Spielkarte aus dem 16. Jahrhundert sah entsprechend anders aus als einer aus dem 19. Jahrhundert. Die Figuren wandelten sich mit der Zeit – und manchmal auch mit der Region. So entstand die große Vielfalt an deutschen Blättern, über die wir in unserer Reihe schon gesprochen haben: das bayerische Bild, das sächsisch-thüringische Bild oder das Altenburger Blatt. Jedes mit eigenen Figuren, eigenen Details, eigenem Charakter.
Warum uns das heute noch berührt
Man kann sich fragen: Spielt es eine Rolle, dass die Kreuz-Dame Argine heißt oder der Herz-König Karl der Große darstellt? Für den Spielverlauf nicht. Für den Blick aufs Kartendeck aber schon. Denn plötzlich sind das nicht mehr nur bunt bedruckte Pappstücke, sondern kleine Erinnerungen an eine jahrhundertealte Erzähltradition. Mittelalterliche Ritter, biblische Figuren, antike Feldherren, mythologische Göttinnen – all das lebt weiter in diesen zwölf Bildkarten, die wir Woche für Woche in die Hand nehmen. Beim nächsten Skatabend oder bei der nächsten Rommé-Runde dürft ihr euch also kurz vorstellen: Da sitzt gerade Alexander der Große auf dem Tisch, direkt neben Pallas Athene. Und das Ganze unter der freundlichen Aufsicht Karls des Großen. Nicht die schlechteste Gesellschaft für einen gemütlichen Abend.
Zurück ins Hier und Jetzt. Ihr sitzt beim Spieleabend – und euer Gegenüber hat endlich eine Karte abgelegt. Eine Herz-Dame. Euch liegt ein „Wusstest du …?“ auf den Lippen …Im nächsten Artikel unserer Reihe „Spielkartenwissen“ tauchen wir ein in die Welt der Spielkartenherstellung. Wie entsteht eigentlich aus einem einfachen Stück Karton eine fertige Spielkarte, die sich geschmeidig durch die Finger gleiten lässt? Was passiert zwischen Druck, Lack und Verpackung? Antworten gibt es beim nächsten Mal.