Franken – das Kartenland zwischen den Welten

Kartenspiel Schafkopf mit Fränkischem Bild steht auf Holztisch in Wirtshaus. ASS Altenburger

„Wer an Franggn an Bayer nennd, der besser um sei Lebn rennd.“ Fragt man in Würzburg, Nürnberg oder Bamberg, ob Franken gleich Bayern sei, könnte dem sonst so gemütlichen Franken das Leberkäsweggla aus der Hand fallen. Franken hat eine eigene Geschichte, eine eigene Küche, eine eigene Sprache – und ja, auch eine eigene Kartenkultur. Oder besser gesagt: gleich zwei. Denn Franken liegt in einer der interessantesten Karten-Zonen Deutschlands. Hier überlappen sich zwei Welten, zwei Glaubenssätze, und je nachdem, in welchem Wirtshaus ihr Platz nehmt, entdeckt ihr entweder Eichel und Schellen oder Pik und Kreuz auf dem Tisch. Willkommen in Franken, dem Kartenland zwischen den Welten.

Eine Region mit eigenem Kopf

Wer die Besonderheiten der fränkischen Kartenkultur verstehen will, muss zuerst einen kurzen Blick auf die Geschichte der Region wagen. Franken war jahrhundertelang kein einheitliches Gebiet, sondern ein Flickenteppich aus zahlreichen kleinen Herrschaftsgebieten: Fürstbistümer wie Würzburg und Bamberg, freie Reichsstädte wie Nürnberg, kleine Markgrafschaften, Reichsritter, Klostergüter. Jede dieser Miniatur-Herrschaften hatte ihre eigenen Traditionen, ihre eigenen Handelsbeziehungen und ihre eigenen kulturellen Prägungen. Erst 1806 wurde ein beträchtlicher Teil Frankens dem Königreich Bayern zugeschlagen – eine Verwaltungsentscheidung, kein Herzenswunsch. Daher haben sich viele Franken bis heute noch nicht so recht damit angefreundet. 

Diese historische Zerrissenheit hat Franken zu einer besonders vielfältigen Region gemacht – ein Kaleidoskop aus regionalen Identitäten, Dialekten und Traditionen. Und genau diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Kartenkultur wider. Bass amal uff!

Ein Land, zwei Blätter

Allmächd! Nirgendwo in Deutschland ist es so präsent wie in Franken: das Nebeneinander von deutschem und französischem Blatt. Während im tiefen Süden das deutsche Blatt mit Eichel, Laub, Herz und Schellen vorherrscht und im Norden Deutschlands das französische Blatt mit Pik, Kreuz, Herz und Karo klar bevorzugt wird, geht in Franken beides.

In vielen fränkischen Wirtshäusern liegen sowohl deutsche als auch französische Blätter bereit. Der eine Stammtisch schwört auf Schafkopf mit dem deutschen Blatt, der andere lieber auf Skat oder Doppelkopf mit dem französischen. Und wer als Auswärtiger in einer fränkischen Kneipe an einen Kartenspieler-Tisch geführt wird, sollte im Zweifel einfach fragen: „Mit was spielt ihr denn?“ Die Antwort kann in jeder fränkischen Stadt anders ausfallen.

Warum Franken so einzigartig ist

Wie kommt es zu dieser einmaligen Vielfalt? Auch hier ist die Antwort in der Geschichte zu finden. Franken liegt geografisch und kulturell zwischen zwei Einflusssphären. Der Süden zog kulturell nach Bayern, wo das deutsche Blatt seit jeher dominiert. Der Norden und Westen war stärker von der mittel- und norddeutschen Welt beeinflusst, wo das französische Blatt schon früh Einzug hielt. Franken wurde nie richtig zugeordnet in eine dieser Welten, sondern blieb ein Grenzland – mit Anleihen aus beiden Richtungen.

Dazu kommt, dass Franken traditionell eine Handelsregion war. Nürnberg war im Spätmittelalter eine der wichtigsten Handelsstädte Europas, und in einer Handelsstadt kommen Menschen mit verschiedenen Gewohnheiten zusammen. Wer aus Frankfurt anreiste, brachte andere Karten mit als jemand aus München. Und beide fanden in Nürnberg Wirtshäuser, in denen sie ihre üblichen Spiele spielen konnten. Dieses Offensein für unterschiedliche Kartenkulturen ist bis heute geblieben – und es machte Franken zu der einzigartigen Kartenregion, die wir heute kennen.

Frau hält Spielkarten von Kartenspiel Schafkopf mit Fränkischem Bild. ASS Altenburger
Wenn schon Schafkopf in Franken, dann auch mit Fränkischem Bild.

Fränkischer Schafkopf – ähnlich, aber doch anders

Auch beim klassischen bayerischen Kartenspiel schlechthin geht Franken seinen eigenen Weg. Der fränkische Schafkopf wird zwar grundsätzlich nach den gleichen Regeln gespielt wie im Süden Bayerns, aber es gibt das Fränkische Bild und regionale Regel-Varianten, die einen erfahrenen Münchner Schafkopfer durchaus mal ins Grübeln bringen können. Manche Sonderspiele werden anders gewertet, manche Regeln kennt man nur in bestimmten fränkischen Städten. Wer in Würzburg Schafkopf spielt und dann in Nürnberg an einen Tisch geht, kann bereits regionale Unterschiede erleben. Das ist typisch Franken: Was der Nachbarort macht, muss noch lange nicht das Eigene sein.

Auch das französische Blatt hat in Franken seinen festen Platz. Skat wird in weiten Teilen Frankens intensiv gespielt, ebenso Doppelkopf. In manchen fränkischen Kegelclubs, Feuerwehrvereinen oder Firmenrunden gehört die abendliche Skat- oder Doppelkopfrunde zum festen Bestandteil des Miteinanders. Wer in Franken lebt, hat also die freie Wahl: Mit welchem Blatt möchtest du heute Abend spielen?

Eine kleine Anleitung für Auswärtige

Falls ihr das nächste Mal nach Franken fahrt und den Wunsch habt, an einer Kartenrunde teilzunehmen, hier ein kleiner Leitfaden: Erstens – sagt niemals sowas wie: „Toll hier, echt bayrisch!“ Das ist ein einigermaßen sicherer Weg, sich unbeliebt zu machen. Zweitens – seid flexibel, was das Kartenblatt angeht. Wer sowohl mit Eichel als auch mit Pik umgehen kann, ist in Franken klar im Vorteil. Drittens – fragt vor der Runde, welche Regeln gelten. Denn in Franken sind Hausregeln keine Ausnahme, sondern die Regel.

Ein Land, das sich nicht entscheiden muss

Was die fränkische Kartenkultur so besonders macht, ist am Ende gar nicht so sehr die Vielfalt selbst. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Vielfalt gelebt wird. In Franken muss man sich nicht entscheiden zwischen deutschem und französischem Blatt, zwischen bayerischer und norddeutscher Tradition, zwischen Schafkopf und Doppelkopf. Man kann beides haben. Und man kann beides genießen. Das ist eine sehr entspannte Haltung, die eigentlich gut zu einer Region passt, die es sich schon immer geleistet hat, ein bisschen anders zu sein als der Rest. Bassd scho!

Im nächsten Artikel unserer Reihe „Spielkartenwissen“ schauen wir uns die vier Farben genauer an, die wir alle so gut kennen und über deren Ursprünge wir doch so wenig wissen. Was steckt hinter Herz, Karo, Pik und Kreuz? Wo kommen diese Symbole eigentlich her? Und warum haben sie sich weltweit durchgesetzt? Antworten gibt es beim nächsten Mal.

0
Dein Warenkorb
Dein Warenkorb ist leer.Zurück zum Shop